Nierenerkrankungen

Was für Nierenerkrankungen gibt es beim Wellensittich?

Bei Nierenerkrankungen kann es sich im wesentlichen um eine Entzündung (Nephritis, Glomerulonephritis, Nephrose), Gicht oder einen Tumor handeln. Aber auch Veränderungen der Nieren und Nierenzysten, Nephrokalzimose (zuviel Kalzium + zuviel Vitamin D) und Nephrotoxie (Vergiftungserscheinungen) kommen vor. Allgemein kann gesagt werden, dass bei älteren Wellensittichen Nierentumore die häufigste Ursache sind und ansonsten Nierenerkrankungen oft mit systemischen Allgemeininfektionen auftreten (nachzulesen bei Kaleta und Krautwald-Junghanns).

Woran erkenne ich, ob mein Vogel Nierenprobleme hat?

Kot: Ein gutes Indiz ist meist der Kot. Der Vogel scheidet mit dem Kot eine große Menge Flüssigkeit aus (Polyurie), die wie ein weißlicher bis klarer See den eigentlichen Kot umgibt. Seltener ist der umgekehrte Fall, nämlich dass die Harngänge verstopft sind und der Vogel kaum Urin ausscheidet.

Aussehen: Der Vogel kann zudem verklebtes Gefieder um die Kloake herum haben. Manche Vögel sitzen in aufgekrümmter Haltung mit deutlich nach unten abgeknicktem Schwanz da. Es kann auch zu Störungen des Federkleides kommen (kahle Stellen, Störungen bei nachwachsenden Federn) und Hautentzündungen, die allerdings nicht jucken (nachzulesen bei Pees). Bei Gicht kommen außerdem gelbliche oder weißliche Knötchen an den Gelenken vor. Bei Tumoren und Zysten kann der Unterbauch stark anschwellen.

Verhalten: In vielen Texten wird erwähnt, dass man Nierenerkrankungen auch an einer vermehrten Flüssigkeitsaufnahme erkennen kann. Da viele Vögel aber nur trinken, wenn gerade niemand hinschaut und andere sich angeeignet haben fast ihren gesamten zusätzlichen Flüssigkeitsbedarf über die Grünfutteraufnahme zu regulieren, ist das für den Besitzer meist schwierig abzuschätzen. Weitere Merkmale sind Kreislaufprobleme, die sich unter anderem durch häufiges Aufplustern und verminderte Nahrungsaufnahme bemerkbar machen können. Ebenso kommt Nervosität vor. Bei Erkrankungen der Nieren kann es auch vorkommen, dass die Patienten eines ihrer Beinchen bzw. Füßchen nicht mehr oder nicht mehr richtig bewegen können. Besitzer denken häufig, dass die Tiere sich ein Bein gebrochen hätten. Ursache ist aber eigentlich, dass die geschwollenen oder vergrößerten Nieren auf die Beinnerven drücken und so der Vogel im Extremfall das Bein nicht mehr nutzen kann. Bei Gelenkgicht kann es zudem zu Lähmungserscheinung der betroffenen Gliedmaßen kommen. Auch kommt es bei Gicht vor, dass der Vogel sich weniger bewegt, oder auf der Stange liegt um seine Beine zu entlasten.

Was ist zu tun, wenn mein Vogel nierenkrank ist?

Der erste Schritt muss sofort zu einem vogelkundigen Tierarzt führen, da Nierenerkrankungen sofort behandelt werden müssen und rasch zum Tode führen können. Der Tierarzt versucht dann die Ursache für die Erkrankung zu klären. Dazu tastet er den Vogel ab, schickt eine Kotprobe in ein Labor, macht einen Kloakenabstrich und röntgt den Vogel eventuell auch. Eine Kontrastmitteldarstellung von Nieren und Harnleiter kann zwar eine Aussage über die Funktionsfähigkeit der Nieren geben, ist aber lange nicht so aussagekräftig wie bei Säugetieren. Die Behandlung richtet sich dann nach dem Befund.

Einschläfern ist generell erst dann in Erwägung zu ziehen, wenn der Vogel nur noch leidet und keinen Lebenswillen mehr zeigt.

Näheres zu Nierenentzündungen (Nephritis, Glomerulonephritis, Nephrose)

Bei Nierenentzündungen können die Nieren anschwellen, degenerieren oder sich verändern. Je früher die Erkrankung behandelt werden kann, desto größer sind die Chancen, dass der Vogel keine bleibenden Schäden davonträgt.

Ursachen

Nierenentzündungen sind häufig Begleiterscheinungen anderer Krankheitszustände, Infektionen können z.B. auch über die Kloake übertragen werden.

  • Bakterien (alle möglichen unter anderem auch bei Papageienkrankheit)
  • Viren (z.B. Polyoma)
  • Parasiten gelten selten als Ursache, Kokzidiosen oder Mikrosporidiosen können allerdings Nierenentzündungen verursachen
  • Pilzerkrankungen
Behandlung

Hauptaugenmerk sollte die Behandlung der Ursachen mit möglichst nierenschonenden Medikamenten durchzuführen. Wenn möglich ist vorher ein Resistenztest der Erreger durchzuführen. Gegebene Medikamente werden eventuell schneller wieder ausgeschieden und müssen eventuell in erhöhten Dosen verabreicht werden.

Da die Gefahr der Austrocknung besteht, sollte Flüssigkeit zugeführt werden, bzw. Tyrodelösung (siehe unten) angeboten werden. Bei verminderter Flüssigkeitsausscheidung kann Furosemid gegeben werden, dass zu vermehrter Urinabgabe führt (nachzulesen bei Kaleta und Krautwald-Junghanns). Bei akuter Gicht durch die Nierenentzündung kann Allopurinol bei erhöhter Flüssigkeitsgabe, die Herstellung von Harnsäure verringern und die Harnsäureausscheidung erhöhen (ebenfalls nachzulesen bei Kaleta und Krautwald-Junghanns). Bei Nierenschwäche sollte zudem Vitamin A zugeführt werden.

Näheres zu Gicht

Bei Nierengicht wird mehr Harnsäure produziert als ausgeschieden wird. Als Folge gibt es irgendwann soviel Harnsäure, dass sie sich nicht mehr in Flüssigkeit lösen kann und sie auskristallisiert. Je nach dem Ort, an dem sie auskristallisieren, unterscheidet man Nierengicht, Gelenkgicht und Viszeralgicht (Ablagerung an Organen). Letztere führt meist zu plötzlichen Todesfällen oder wird erst kurz vor dem Tod diagnostiziert.

Ursachen

Nierenschwäche. Diese kommt als Folge von Nierenentzündungen vor, kann aber auch durch zu hohe Proteinaufnahme, Vitamin-A-Mangel und Vergiftungen (durch Pilzbefall oder andere Gifte) entstehen. Seltener ist ein Mangel an Vitamin D3, Vitamin B, Magnesium oder Phosphor verantwortlich (nachzulesen bei Kaleta und Krautwald-Junghanns).

Behandlung

Eine gesicherte medikamentöse Behandlungsmethode gibt es nicht. Eine Gabe von Colchizin und Allopurinol kann versucht werden (ebenfalls nachzulesen bei Kaleta und Krautwald-Junghanns). Wichtig ist es die Rohproteine in der Nahrung zu reduzieren, da bei der Umwandlung in Aminosäuren Harnsäure entsteht. Es sollte Vitamin A gegeben werden. Trinkwasser snerial (z.B. Küchenrolle) gepolstert werden und eine Sitzfläche angeboten werden, damit der Vogel sich legen, bzw. seine Gelenke entlasten kann (nachzulesen bei Quinten). Werden nicht alle Stangen gepolstert kann es vorkommen, dass der Vogel diese –fremden- Stangen meidet.

Nierenzysten und Nierentumoren

Nierenzysten treten häufig zusammen mit Tumoren auf und sollen deshalb hier zusammen besprochen werden. Beides – Zysten und Tumore – kann der geübte vogelkundige Tierarzt im Röntgenbild erkennen.

Ursachen
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Behandlung

Es ist möglich eine Operation zu machen, in der Hoffnung eine Zyste zu finden, deren Flüssigkeit dann abgesaugt wird und die dann eventuell heilt. Ist es keine Zyste lässt man den Vogel „aus Tierschutzgründen“ (Zitat aus Quinten) nicht wieder aufwachen. Zieht man keine Operation in Erwägung ist die Behandlung symptomatisch und hat das Ziel, dem Patienten noch ein möglichst langes und angenehmes Leben zu ermöglichen. Die Gabe von Vitaminen und Mineralien und der Austausch des Trinkwassers durch Tyrodelösung sind empfehlenswert. Des weiteren sollte der Patient mit Kolbenhirse und Hafer gepäppelt werden, da Tumore immer auszehrend sind.

Welche Maßnahmen kann ich ergreifen?

Flüssigkeitszufuhr: Wie schon erwähnt sollte Tyrodelösung verabreicht werden (wie genau siehe unten). Ist keine Tyrodelösung greifbar, kann vorerst mit der Gabe von natriumarmen, stillem Mineralwasser begonnen werden. Es sollte reichlich Obst und Gemüse angeboten werden, denn auch die enthalten Flüssigkeit. Bei der Gabe von Zusätze ins Trinkwasser (Tees, Medikamente etc.) ist genauestens zu dokumentieren, wie die Flüssigkeitsaufnahme mit und ohne die Medikamente aussieht (am besten Milliliterverbrauch pro Tag mit und ohne Zusatz über je drei Tage dokumentieren).

Verminderung eiweißhaltiger Speisen: Eifutter, Quark, Joghurt, Insekten, Babybrei, Keimfutter und auch getrocknetes Obst sollen nur noch selten angeboten werden. Sie alle erhöhen den Anteil an Harnsäure und erhöhen das Gichtrisiko.

Rotlicht ist in allen Fällen zu empfehlen.

Gabe von Vitaminen: Die Verabreichungen eines Vitamin-B-Komplexes ist empfehlenswert, da besonders Vitamin B von den Nieren mit ausgeschieden wird. Vitamin A und D, die auch für die Nierenfunktion bedeutend sind, sollen zugeführt werden, wenn sie ansonsten zu wenig aufgenommen bzw. produziert werden. Dies kann zum Beispiel durch Korvimin ZVT übers Futter geschehen. Hierbei ist eine Absprache mit dem Tierarzt empfehlenswert, da eine Überdosierung möglich ist. Bei Vitamin D kann so eine Überdosierung zu Nierenproblemen führen – also Vorsicht und nicht einfach experimentieren. Vitamin D wird idealer weise vom Vogel selbst gebildet, wenn er ungefiltertem Sonnenlicht oder Vogellampen ausgesetzt ist. Vitamin A (auch als Carotin bekannt) ist in allen grünen Pflanzen, zudem besonders in Karotten, Spinat und Obst enthalten (siehe http://www.meine-gesundheit.de/559.0.html).

Alles Giftige und Nierenbelastende ist zu meiden! Keine giftigen Pflanzen, Metalle, Kochsalz, Alkohol, Medikamente (wenn sie nicht als nierenschonend ausgewiesen sind), menschliche Speisen, verschimmelte Körner, Chemikalien, Farbstoffe (wie z.B. in handelsüblichen Knabberstangen). Amynin oder andere Aminosäurelösungen, die von einigen Tierärzten empfohlen wird, werden von einigen Fachleutn als gefährlich bei Nierenschwäche eingestuft und sollte gemieden werden.

Muss ich den kranken Vogel von den anderen Tieren trennen?

Im Falle einer entzündlichen Nierenerkrankung kann es sein, dass der Tierarzt eine getrennte Haltung der Tiere empfiehlt. In allen anderen Fällen, kann das Tier ohne Probleme bei seinen Gefährten bleiben. Leider gibt es geteilte Meinungen darüber, ob die Gefährten die Tyrodelösung auch zu sich nehmen dürfen. Bei mir scheint es keine Probleme damit zu geben (und außer lebenslanger Trennung hätte ich nicht gesehen, wie ich die verabreichen könnte), aber wer einen vogelkundigen TA gefunden hat, sollte das individuell mit ihm besprechen.

Was ist Tyrodelösung, wie gebe ich die und wo bekomme ich die her?

Tyrodelösung ist eine mit Mineralien und Glukose angereicherte Lösung. Da Vögel Ungewohntes meiden, wird folgendermaßen vorgegangen: man entfernt alles, woraus der Vogel Flüssigkeit beziehen könnte (Wasserquellen -auch Bäder, Obst, Gemüse, Feuchtfutter) und bietet stattdessen ausschließlich Tyrodelösung an. Durch den salzigen Geschmack wird der Vogel zur vermehrten Flüssigkeitsaufnahme angeregt. Gleichzeitig werden Elektrolyte zugeführt. Die Glukose stärk zum einen den Organismus und regt zum anderen die Nierentätigkeit an. Nach ein paar Tagen kann wieder Obst, Gemüse und Feuchtfutter gegeben werden, am besten sollte ab diesem Zeitpunkt jeden Tag eine große Auswahl und reichlich Obst und Gemüse angeboten werden. Der Vogel hat nun ein erhöhtes Durstbedürfnis und wird nicht mehr auf die Tyrodelösung verzichten.

Tyrodelösung ist eine Lösung aus verschiedenen Mineralien, Glucose und Wasser, die man sich von einem guten Apotheker mischen lassen kann. Dazu lässt man sich am besten folgende Bestandteile wie folgt in Tütchen abpacken:

Mischung 1
  • Magnesiumsulfat - 0,50 g
  • Kalziumchlorid - 0,65 g
  • Kaliumchlorid - 1,00 g
  • Natriumchlorid - 40,00 g
Mischung 2
  • Natriumdihydrogensulfat - 0,25 g
  • Natriumhydrogencarbonat - 5,00 g
  • Substanz 3: Glucose 5,0 g
Zubereitung
  1. Mischung 1 in 4 Litern abgekochtem, frisch destilliertem (beides nach Abkühlung) oder natriumarmen, kohlensäurefreiem Wasser lösen und gut umrühren.
  2. Mischung 2 in 1 Liter abgekochtem, frisch destilliertem (beides nach Abkühlung) oder natriumarmen, kohlensäurefreiem Wasser lösen und gut umrühren.
  3. Lösung 2 (=1 Liter) unter ständigem Rühren in Lösung 1 (= 4 Liter) geben und nochmals gründlich umrühren.
  4. Substanz 3 in die zubereitete Lösung schütten und umrühren bis sie klar gelöst ist. 5 Minuten stehen lassen und abschließend noch einmal gut umrühren.

Die Konzentrate sind unbedingt trocken (nicht im Kühlschrank) zu lagern, da sie wasseranziehend sind. Die zubereitete Lösung ist kühl und dunkel begrenzt haltbar.

Naturheilkundlicher Ansatz

Der eine oder andere möchte vielleicht die Behandlung mit natürlichen Mitteln ergänzen oder hatte mit allen Mittelchen keinen rechten Erfolg und möchte es nun auch ganzheitlich versuchen. Hier sei empfohlen einen Tierhomöopathen zu Rate zu ziehen, oder sich zumindest gründlich in das Buch von Sonnenschmidt und Wagner einzulesen.

Hier sei nur kurz zusammengefasst, was Sonnenschmidt und Wagner schreiben:
Die Niere steht in der ganzheitlichen Sicht für ererbte Kreativität, Angst und sexuelle Sicherheit. Zudem wird sie dem Element Wasser zugeordnet und steht daher für das Bewahren der eigenen Energiereserven, Geschmeidigkeit, Anpassungsfähigkeit und allgemein Kommunikation. Der Nierenmeridian ist sehr anfällig für Probleme mit dem physisch-psychischen Gleichgewicht. Wird es gestört kommt es zu Nierenproblemen und Kommunikationsstörungen.....

Weitere Behandlungen:

  • Reinigung des Blutes mit Bachblüten „Crab Apple
  • bei Störungen der Sexualität (Impotenz, Frigidität): Bachblüten „Agrimony“ und „Wild Oat
  • bei ängstlichen Nierenkranken: Bachblüten „Larch“, „Mustang“, „Cherry Plum“
  • homöopathische einzelfallabhängige Behandlung bei Vögeln mit schlechter Nierendurchblutung oder Schäden im Nierenstoffwechsel: Natirum muriaticum, Berberis, Solidago, Lycopodium

Bei der Gabe aller Mittel ist stets darauf zu achten, dass der Vogel genügend trinkt.

Quellen:
Informationsblatt zu Nierenerkrankungen von der Klinik für Zier- und Wildvögel, Tierärztliche Hochschule Hannover (daraus stammt der Teil über die Tyrodelösung)
Kaleta, Erhard und Maria-Elisabeth Krautwald-Junghanns (Hrsg.)2003 [2. Aufl.]: Kompedium der Ziervogelkrankheiten: Papageien, Tauben, Sperlingsvögel. (vet. für Studium und Praxis) Hannover: Schlütersche
Quinten, Doris 1998: Ziervogelkrankheiten Stuttgart: Ulmer (Patient Tier)
Pees, Michael (Hrsg.) 2004: Leitsymptome bei Papageien und Sittichen. Diagnostischer Leitfaden und Therapie. (Kleintier, Konkret, Praxisbezug) Stuttgart: Enke Verlag
Sonnenschmidt, Rosina und Marion Wagner: Vögel - Akkupunktur, Homöopathie, Bach-Blütentherapie, Kinesiologie. 1996. Stuttgart: Ulmer
eigene Erfahrungen, Forendiskussionen, Telefonate mit der Tierärztlichen Hochschule in Hannover und der Gießener Vogelklinik

Fotos


Foto 1
mein nierenkranker Prinz

Foto 2
nierenerkrankte Vögel brauchen viel Wärme (Rotlicht)

Foto 3
Kot eines nierenkranken Wellensittichs

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