Story 1: Die Geschichte von Charly und Summer

Mit dem Umzug in eine größere Wohnung konnten wir uns endlich auch den langgehegten Wunsch nach Vogelgenossen verwirklichen. Da sowohl meine Lebensgefährtin als auch ich berufstätig sind, stand es außer Frage, dass es ein Nymphensittich-Pärchen sein musste, dem wir ein Heim geben wollten. Mit Charly, einem dunkelgrauen und Summer, einem hellgrauen Zimter hatten wir die beiden energievollsten Vögel im Zoogeschäft ausgesucht. Eine gute Wahl, wie sich im Nachhinein herausstellte.

Während Summer sich am ersten Morgen beim Füttern noch etwas ängstlich in die Ecke drängte, beäugte Charly das Geschehen aufmerksam. Von dieser furchtlosen Art ermuntert, hielt ich ihm, eigentlich ohne große Aussicht auf Erfolg, den Finger hin. Und zu meinem großen Erstaunen stieg er mutig darauf. Der Beginn einer großen Freundschaft. Charly kristallisierte sich als wagemutiger, neugieriger und wissbegieriger Nymphensittich heraus, während Summer sich in der Rolle der Schüchternen gefiel. Nun denn, da Charly und Summer sich beide eher als Spielgesellen denn als Partner sahen, konnte ich mich viel um Charly kümmern, ohne traute Zweisamkeit zu stören. Summer beäugte unser Spiel aus sicherer Entfernung und schickte stets Charly voran, wenn es darum ging, Neues zu erkunden. Eine Verfahrensweise, die uns oft erfreute, bis sie Charly später zum Verhängnis werden und Summer das Leben retten sollte. Doch dazu später mehr.

Im Laufe unserer Freundschaft entwickelte Charly solch ein Vertrauen, dass er ohne Zögern vom Käfig auf den Finger stieg, wenn man ihm diesen hinhielt. Ungezählt die Tage, an dem ich mit Charly auf dem Finger an der Balkontür stand und mit ihm gemeinsam nach Natascha Ausschau hielt. Unvergessen der Moment, an dem Charly plötzlich mit dem Kopf voran hinter der Gardine verschwand, sich drehte und neckisch seinen Schopf hervor steckte. Kurze Zeit später nur und Summer tat es ihm nach. Gleichfalls die begeisterte Singerei, wenn man erst mit Charly, dann mit Summer auf den Flur ging, um ihnen ihr Spiegelbild zu zeigen. Schließlich kam Charly sogar mit ins Arbeitszimmer, wo er auf dem Computer herumkletterte, in die Gardine flog, an den Schallplattenhüllen knabberte, um, wenn er schließlich genug hatte, selbständig aus dem Arbeitszimmer ins Wohnzimmer hinüberzufliegen, um dort zu fressen.

Charlies Neugierde ging schließlich soweit, dass er interessiert den Frühstückstisch im Wohnzimmer beobachtete und schließlich auf unser Zurufen auch dort landete. Summer erlag erst der Verlockung des dort hingelegten Hirsekolbens. Munter spazierten beide über den Tisch und warfen des öfteren von der Tischkante ein Auge auf den Fußboden. Es war wieder Charly, der beherzt vom Tisch flog und auf dem Fußboden landete. Kurze Zeit später folgte Summer. Aufgeregt wie die Hühner rannten die Zwei dort herum und sahen sich die Welt aus dieser für sie unbekannten Perspektive an. Und so nahm das Schicksal seinen Lauf. Es kam der Tag, an dem Charly und Summer den Aufstand probten und nicht in den Käfig wollten, als Natascha zur Arbeit musste. Über eine halbe Stunde verzweifeltes Bemühen, doch es klappte nicht. Sorgenvoll bekam ich in der Arbeit den Anruf, dass sie jetzt unbedingt zur Arbeit müsste und die Vögel frei seien. Ich versprach, früh nach Hause zu kommen, um auf die beiden aufzupassen.

Mit einem mulmigen Gefühl, nennen Sie es Vorausahnung, stieg ich aus dem Wagen und ging ins Haus. Vorsichtig öffnete ich die Tür zum Wohnzimmer. Ein Lächeln ging über mein Gesicht. Da saßen die beiden fröhlich auf dem Fußboden vor der Balkontür und nagten an der Gardine. Auch mein Hereintreten ließ sie nicht in ihrem Spiel innehalten. Irgendwann flogen sie dann auf ihr Spielzeug und - waren völlig still. Nach zwei Stunden fragte ich Charly, was denn los sei. Doch ein Blick auf ihn reichte schon. Schwankend saß er auf der Stange, die Augen verdreht. Ich nahm ihn auf die Hand und er erbrach sich. Panik stieg in mir auf. Ich setzte ihn zurück und besah mir mit einer unguten Gewissheit die Gardine. Ja, da war ein Bleiband drin und jetzt war es an mindestens acht Stellen zerbissen.

Obwohl es schon 19.30 Uhr war, nahm uns unser Tierarzt noch auf. Eine Spritze, ein Neutralisierungsmittel und warten. Am nächsten Tag bewegten sich Charly und Summer nicht mehr, aufgeplustert und still saßen sie da. Hinzu kam der Durchfall. Wieder zum Tierarzt. Wieder eine Spritze. Wieder etwas zum neutralisieren. Am vierten Tage waren beide völlig abgemagert. Der Tierarzt sagte, jetzt würde nur noch künstliche Ernährung helfen. Mit einer Mischung aus Babynahrung und Vitaminen führten wir den beiden viermal täglich das Futter mittels Kanüle ein. Es gab kaum Gegenwehr, so schwach waren die beiden. Jede Fütterung versetzte uns einen Stich ins Herzen, mussten wir unsere Lieblinge doch stets in die Hand nehmen. Zum Schluss zitterte Charly nur noch vor Angst, wenn er uns sah. Schließlich setzten Lähmungen ein. Beim Räkeln blieben seine Flügel auf der Hälfte stehen, er verlor das Gleichgewicht und fiel um. Der Tierarzt spritzte Valium. Charlies Schreien klingt mir noch jetzt in den Ohren.

Am Abend saß Summer, der es wieder besser ging, ganz nah neben Charly, was sie sonst nie tat. Meine Blicke trafen auf Charlies Augen. Traurig sah er mich an. Wir wussten beide, was das hieß. Die Zeit des Abschiednehmens war gekommen. Mit Tränen ging ich ins Bett. Am nächsten Morgen lag Charly mit Zuckungen auf dem Boden. Ich richtete ihn auf. Als Natascha wenig später nach ihm schaute, hörte ich ihren entsetzten Ruf: "Charly ist tot." Unsere Freunde konnte unsere Trauer nicht so recht verstehen, die Tränen flossen unentwegt, wir hatten einen wahren Freund verloren.

Und alles nur, weil wir nicht wussten, dass in der Gardine ein Bleiband war. Auch hatten wir keine Hinweise in dem Nymphensittich-Buch im gefunden, dass auf die Gefahren im Haushalt hinwies. Hätten wir dort etwas gefunden, wir hätten das Bleiband entfernt. Daher diese Geschichte, um Vogelliebhaber vor ähnlichem Schicksal zu bewahren. Das Bleiband wurde sofort von mir entfernt, um wenigstens Summer zu schützen. Summer, traurig klangen ihre Schreie und blieben unbeantwortet. So holten wir ihr mit Cosmo einen neuen Kameraden, mit dem sie ihre große Liebe gefunden hat, denn geliebt hat sie Charly nur als Kumpel. Doch für uns wurde die Liebe zwischen Summer und Cosmo langweilig, weil beide nur kuschelten und keine Action machten. So kam Pedro hinzu, der aber wiederum so aufgedreht war, dass schließlich Lena folgte. Jetzt haben wir eine muntere, vierköpfige Vogelschar, die unser Herz erfreut. Aber dennoch bleibt uns Charly unvergessen. In memorium Charly!

eingesandt von Frank Rumeleit

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